Girdwood

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Halbzeitpause, Kajaken und Girdwood

Die Pause zieht sich länger hin als erwartet, allerdings ist diese Aussage ganz von der Definition einer Pause abhängig. Ich mache sie daran fest keinen täglichen Plan zu haben der entweder die Region erkundigt oder aber in die nächste Region zieht. Ich habe zwei Tage im Hostel in Anchorage verbracht (gleiche Hostel wie bei meiner Ankunft) und Leute getroffen die ich von früheren Ausflügen kannte. Mittlerweile sind doch tatsächlich einige Touristen unterwegs, sogar auch zwei Deutsche. Allerdings haben beide unterschiedliche Ziele und meine momentanen Pläne lassen gar kein gemeinsames Reisen zu, dazu aber später mehr. Den ersten Abend zurück habe ich mit 2en der Campingplatzmädels (Travel nurses) verbracht und auch bei ihnen im Wohnzimmer übernachtet. Den zweiten war ich mit dem aufstrebenden Piloten Abendessen und NBA finals schauen. Lustig, dass ich nach der kurzen Zeit schon Leute kennengelernt habe die mich gerne aufnehmen. Tagsüber habe ich mein treues Mietauto abgegeben und war im Museum. Ein wirklich tolles Museum in dem für Kinder sehr eindrücklich dargestellt was Nordlichter, Erdbeben, Vulkanausbrüche und weitere Naturwunder ausmacht. Leider gibt es nur eine kleine Abteilung in der über die Native Americans berichtet wird. Ihre Geschichte in Alaska ist vielleicht noch ein wenig schlimmer als im Rest der USA. Der erste Fluch waren die Russen, die sie entlang der Küsten versklavt haben und zur Pelzjagd zwangen. Nicht nur niedergeschlagenen Aufstände und Vergeltungsstreifzüge der Russen gegen ihre Sklavenstämme führten zu hohen Todeszahlen, denn die größten Verluste (rund 80% der Stammesbevölkerung auf den Aleuten ca. 1740 bis 1790) wurden durch eingeschleppte Krankheiten verursacht. Die ansässigen Indianerstämme hatten keinerlei Immunsystem gegen diese neuartigen Krankheiten. Die Unfähigkeit der Heilung durch ihre Mediziner führte zu Verwerfungen innerhalb der Stämme und zu einem sinkenden Vertrauen in die eigene Kultur und Lebensweise. Die Amerikaner oder genauer gesagt die früheren Europäer trafen erst einige Jahre später auf breiterer Front (Kriegsausdruck) auf die Einheimischen, nämlich mit dem Gold Rush um 1900, dem 2ten Weltkrieg 1940 oder der Ölförderung 1968. Ihr Verhalten war in keinster Weise besser und aus den Konflikten aus den südlichen Staaten der USA wurde nichts gelernt. Die Einheimischen wurden vertrieben, erschossen oder missioniert. Die lokalen Sprachen wurden ebenso wie die hiesige Religion verboten. Im 2ten Weltkrieg wurden Dörfer umgesiedelt und abgebrannt, um den Japanern keine Unterkünfte zu erlauben und die Einheimischen ins Militär gezwungen. Eigentlich wurden die Traditionen und Gesinnungen so sehr zerstört, dass die heutigen Generationen nicht mehr von der Bewahrung sondern von der Rückgewinnung ihrer Lebensauffassung sprechen. Interessanterweise liest man in Artikeln wie https://en.m.wikipedia.org/wiki/Alaska_Natives

fast ausschließlich über die Übel der Russen, während die Amerikanischen Verbrechen kaum erwähnt werden. Das sollte uns Deutschen ja ziemlich bekannt vorkommen. In Anbetracht dieser Erkenntnisse kommen mir die vielen Jahre zum Thema 3tes Reich die ich in der Schule hatte (gefühlt habe ich seit ab dem Gymnasium in Geschichte 9 Jahre nur das 3te Reich besprochen) auf einmal nicht mehr überzogen vor.

Nach Anchorage ging es wieder Richtung Süden, allerdings erstmal nur eine kurze Strecke bis Girdwood. Ich wurde von der 3ten Travel Nurse eingeladen mit ihr und einigen Bekannten über einen Gletschersee zum Portage Gletscher zu kajaken. Die Truppe war ein ziemlich gemischter Haufen von denen sich gegenseitig kaum jemand kannte. Neben dem Tandemkajak von Taylor und mir machten sich noch zwei weitere Tandems, zwei Einer und ein Schlauchboot (mit Motor) auf den 5km langen Seeweg zum Gletscher. Leider war das Wetter nicht das Beste, sodass uns ein steifer Wind, kleine Wellen und ein wenig Regen ins Gesicht wehte. Der Hamburger würde sagen: normale Briese. Ich schiebe es mal auf das Wetter, dass es nur 2 Kajaks bis zum kalbenden Gletscher geschafft haben und der Rest spätestens ab der Hälfte umgedreht ist. Überraschend war allerdings wie viel Freude alle hatten die es nicht geschafft haben. Davon kann ich noch was lernen, für mich wäre es ein riesen Flopp gewesen. Der Ausflug war trotz des Wetters sehr schön.

Seither sitze ich in Girdwood fest. Der Ort um das einzige richtige Skigebiet in Alaska wurde schon vielfach gepriesen und empfohlen. Ich finde ihn stark enttäuschend. Von dem Hippie-Charm kann ich nichts feststellen, denn das Ski Chalet erinnert mich eher an die hässlichen französischen Skiorte die in das Skigebiet gebaut wurden anstatt umgekehrt. 

Die Orte in ganz Alaska versprühen auf mich keinerlei Charm da die Gebäude viel zu weit voneinander entfernt liegen und damit keinerlei Zusammengehörigkeitsgefühl aufkommt. Im Ort ist gerade eins vielen hochgepriesenen Festivals. Die Stimmung vor Ort wird durch das folgende Bild ausreichend wieder gegeben.

Neben diesem Musikschmankerl bin ich mit dem interessanten Anhalter, vorletzten Beitrag, noch ein wenig spazieren gewesen, dann war der Tag auch schon rum.

Am 3ten Juni bin ich auf den Crow Pass gewandert und habe einen netten jungen Ingenieur aus Florida auf seine erste echte Wanderung mitgenommen. Die Wanderung ging hauptsächlich über Schneefelder, entlang den Überbleibseln einer alten Goldmine rauf auf einen Pass. Oben angekommen haben wir eine Bergziege angetroffen und den Raven Gletscher.

Der Südstaatler hat mich positiv überrascht, indem er zwar langsam, aber ohne jemals zu murren durchmarschiert ist. Ein netter Kerl der bei einem Auftragnehmer von Boeing arbeitet und seinen Arbeitstag von vertraglich 8h auf 4h reduziert hat, da er deutlich effizienter sei als seine Kollegen und sein Chef es duldet solange er seine Aufgaben erledigt. Eine bemerkenswerte Einstellung.

Am folgenden Tag bin ich ein wenig auf die Nase geflogen, denn nachdem ich mit der Gondel ins Skigebiet gefahren bin wollte ich über die Bergrücken auf die Gipfel steigen. Zugegebenerweise lag alles unter einen dünnen Schneedecke, aber es wäre über meine Route möglich gewesen. Daraus wurde allerdings nichts denn ich wurde zurück gehalten. Das Skigebiet wäre gesperrt und ich dürfe den Bereich der Gondel nicht verlassen. Na klasse, da wäre ich sonst niemals hochgefahren. Einmal oben habe ich den Tag in der Sonne verbracht und versucht per Fotoserie die bei Flut angeblich einrollende Welle zu beobachten. Wie schonmal angedeutet ist der Tidenhub hier extrem (ca. 10m momentan) und daraus resultiert bei einsetzender Flut eine bis zu 3m hohe Welle (heute war 1m angesagt) die mit ca. 25km/h heranrollt und regelmäßig gesurft wird. Ich kann mir wenig cooleres vorstellen (YouTube turnagain arm surf). Allerdings konnte ich auch diese Welle von meinem Standort nicht erkennen.

Morgen breche ich endlich wieder auf und zwar zurück nach Anchorage (daher stecke ich auch fest, da ich nicht wusste ob ich wieder zurück muss/darf). Ich habe an der Lodge mit dem Volvofriedhof jemanden kennengelernt der mich zu seiner Cabin mitnimmt. Um dorthin zu kommen müssen wir nach Juneau fliegen (umsonst weil seine Frau Stewardess ist), dann 6h mit der Fähre schippern und dann mit einem aufblasbaren Kajak (Packraft) paddeln. Ich in gespannt was das gibt, ich habe mich einfach mal darauf eingelassen. Frei nach meinem Motto: Ich vertraue jedem Menschen bis er mir einen Anlass gibt es nicht mehr zu tun.

P.s. Ich muss noch einen Fehler ausmerzen. Die Bergmurmeltiere sind in Wirklichkeit Arktis Eichhörnchen… naja Murmeltier wäre cooler gewesen.